Wer derzeit das Pech hat zu sterben, und in dessen Leiche das Corona Virus nachgewiesen wird, hat immerhin die Ehre im Halbstundentakt mit seinem Ableben als Coronatote*r die Nachrichten zu füllen.

Etwa im von mir bisher geschätzten Deutschlandradio. Es ist erst wenige Wochen her, als das Deutschlandradio die Verkehrsdurchsagen mit pompöser Inszenierung aus seinem Programm gestrichen hatte. Anscheinend wurde das Ablesen endloser Zahlenkolonnen nun doch im Sender vermisst. So hören wir anstelle der regelmäßigen Staumeldungen nun die regelmäßigen Durchsagen des Robert Koch Instituts. Ich bin von meinem Lieblingssender enttäuscht worden. Ein Mantra nackter Zahlen von zweifelhafter Relevanz verdrängt die Analyse. Diese Meldungen dürften vor allem billig zu produzierende „Nachrichten“ sein. Ein Ablesen der Zahlenkolonnen genügt. Die Zahlen, absurd „genau“ bis aufs letzte Promille (am 2.5. demnach 240.654 weltweit) verlesen, suggerieren Präzision, eine seriöse Meldung. Ich mag die täglich verlesenen Toten die „lauten Toten“ nennen. Sie können nichts für den Lärm, der um sie gemacht wird. Es ist tragisch, dass sie gestorben sind. Keiner hat sie gefragt, ob sie eine tragende Rolle in der aktuellen Symphonie der Angst spielen wollen. Manchem blieb, aufgrund der Maßnahmen, eine würdevoller Tod und ein Begräbnis mit Familien und Freundesteilnahme versagt.

Den „lauten Toten“ stehen die „leisen Toten“ gegenüber. Sie werden nicht gezählt, nicht benannt, nicht halbstündlich verlesen. Sie sind einfach so gestorben. Eventuell an den Folgen der Maßnahmen, die getroffen wurden, um die Zahl der „lauten Toten“ niedrig zu halten. Die leisen Toten sterben an Depression in der Isolation. An verschobenen Operationen, an hinausgezögerten Arztbesuchen, an verschleppten Diagnosen, an häuslicher Gewalt, an Alkohol im Übermaß. An Verzweiflung über zerstörte Existenzen. An geschwächtem Immunsystem, hervorgerufen durch Angst, soziale Isolation und Berührungsmangel. Sie sterben nicht heute – aber früher als es sein müsste.

Anders als die lauten Toten setzen die leisen Toten die Politik nicht unter Druck. Ich würde mir wünschen, dass die Zahl der leisen „Maßnahmen-Toten“ ermittelt, geschätzt und genauso oft genannt würde, wie die der „lauten Corona-Toten“. Das gäbe mir das Gefühl, dass gut abgewogen wird bei den Entscheidungen, die unsere Freiheit und unsere Würde derzeit so radikal beschneiden. Wo bleiben die Stimmen all der Forscher, die etwa beim „Dieselgate“ schnell mit Zahlen zu zusätzlichen Toten durch Autoabgase bei der Hand waren. Lassen sich die derzeitigen Maßnahmen nicht daraufhin untersuchen? Wird wenigstens versucht zu ermitteln, wie viele Menschen durch die Anticorona-Maßnahmen verfrüht sterben werden?

Wir laufen Gefahr, etwas unendlich Wertvolles zu opfern: Unsere freie Gesellschaft, den Mut zum Risiko, ein angstfreies Leben. Ich schätze unsere Gesellschaft sehr und ein Grund dafür ist die Freiheit, in der wir leben dürfen. Sie ist noch nicht perfekt, aber schon der jetzige Zustand wurde über Generationen hart erkämpft. Von Menschen, denen der Wunsch nach einem Leben in Würde und Freiheit über das eigene Sicherheitsbedürfnis ging. Ich bin unserem Bundestagspräsidenten Wolfgang Schäuble unendlich dankbar für diese Worte vom 26. April: „Grundrechte beschränken sich gegenseitig. Wenn es überhaupt einen absoluten Wert in unserem Grundgesetz gibt, dann ist das die Würde des Menschen. Die ist unantastbar. Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen. Aber wenn ich höre, alles andere habe vor dem Schutz von Leben zurückzutreten, dann muss ich sagen: Das ist in dieser Absolutheit nicht richtig.“

Dafür hat Schäuble viele Schläge einstecken müssen. Mir hat er aus der Seele gesprochen. Dem Coronavirus war schon vor seiner Ankunft in unserer Gesellschaft der rote Teppich der Angst ausgerollt worden. Der Risikovermeidungsgesellschaft, die sich auch bei uns seit Jahren in einem permanent kultivierten Klima der Angst breit macht, muss das Virus wie eine nachträgliche Bestätigung für all die paranoiden Sicherheitsfetische vorkommen, denen sie huldigt.

Helikoptereltern, zu Panzern mutierte SUV’s, Videoüberwachung. Latexhandschuhe im Einzelhandel, Detektoren und Kontrollen vor Events, seitenweise sinnlose Sicherheitsbelehrungen für jedes erworbene Produkt. Überall drängen sich Risikoreduktion, Kontrolle und Gefahrenabwehr nach vorne: Sie waren schon vor Corona im Übermaß da. Nun: ShutDown, Abstandsregeln, Kontaktverbot, Maskenpflicht. Und in Zukunft? Eine Tracking App zur lückenlosen Verfolgung unserer Kontakte? Ein Pass, der Immunität bescheinigt (und allen anderen Mitmenschen das Corona-Stigma aufstempelt)? Medizinische Zwangsbehandlung durch Impfpflicht? Ich bin ein Freund von Impfungen, aber noch mehr ein Freund der persönlichen und freiwilligen Entscheidung dazu.

Bei allem Respekt vor dem bisherigen Krisenmanagement und der Schwere der Entscheidungen, welche tagtäglich und improvisiert getroffen werden müssen: Mir wird schlecht. Mir wird richtig schlecht bei dem, was sich kontrollfreudige Wissenschaftler und machttrunkene Politiker da ausmalen. Die undemokratische Idee des von einem Rat der Weisen regierten Staates ist populär in studierten Kreisen. Natürlich nur zum Wohle aller. Jetzt greift sie sich Raum, mit der Kultur der Angst als Verbündeter.

Wir müssen uns hüten vor den antidemokratischen Ambitionen der Wissenschaft. Diese liegen in ihren Genen. Wissenschaft ist nicht demokratisch. Sie ist auch nicht neutral. Sie reduziert ihre Begründungen auf die kalte, nackte Zahl und empfiehlt zur Entscheidung, was sich mit den Zahlen eben begründen lässt. Das ist ihr Job. Was sich der nackten Zahl entzieht, wird verdrängt und nicht ernst genommen. Und auch Wissenschaft macht es sich gerne einfach. Das ist menschlich. So zählt die Wissenschaft derzeit die „lauten Toten“. Zur Ermittlung genügt ein Abstrich postmortal. Und treibt damit die Politik vor sich her.

Wir scheinen bei der Bekämpfung der Coronakrise einer Illusion aufzusitzen. Ich habe den Eindruck, dass jede*r vermiedene sogenannte Coronatote wie ein Sieg über den Tod an und für sich gefeiert wird. Den Tod besiegen, dieser uralte Menschheits- und Medizinertraum würde alle Maßnahmen rechtfertigen. Nur so kann ich mir die Vehemenz, mit der unsere Freiheitsrechte und unsere Würde derzeit beschnitten wurden, erklären. Wir glauben tatsächlich damit den Tod zu besiegen. Und vergessen dabei, dass wir letztlich nur ein bisschen darauf Einfluss genommen haben, wann, wie und woran jemand stirbt. Erich Kästner hat dazu schon angemerkt: „Wird’s besser? Wird’s schlimmer?“/ fragt man alljährlich./ Seien wir ehrlich:/ Leben ist immer/ lebensgefährlich.“

Auf dem Totenbett wird es uns vermutlich immer weniger interessieren, wann genau es Zeit ist zu gehen und wie lange unser Leben war. Aber es wird uns sehr interessieren, wie unser Leben vor dem Abschied ausgesehen hat. Ob es voller Umarmungen, menschlicher Nähe, Freude, Spiel, Abenteuer und Grenzen erforschen war. Oder einsam, isoliert, kontaktfrei, sicher und kontrolliert.

Die Vorkämpfer für demokratische Freiheiten haben sich bei der Abwägung zwischen Sicherheit und Gesundheit einerseits und einem selbstbestimmten Leben andererseits für das Risiko entschieden. Ein Jos Fritz, ein Friedrich Hecker, eine Amalie Struve, eine Maria Antonia Stehlin – diese badischen Freiheitskämpfer*innen haben sich für die Freiheit und damit gegen ihre persönliche Sicherheit entscheiden müssen. Sie haben alles riskiert und damit auch für uns ein Stück Freiheit erstritten. Wir sollten den Wert dieser Freiheit und das Leben in Würde, welches damit einhergeht, ganz obenan stellen. Bei all den Abwägungen, die da noch auf uns zukommen.