es ist juni, der sommer hat begonnen, und wir inhalieren sonne, luft. und wieder eine ahnung von der lust auf freiheit, nachdem uns ein weltweites ereignis zunächst in die eigenen vier wände, und später hinter gesichtsverpackungen gedrängt hat.

viele von uns mussten ein gänzlich neues sein, nämlich eines in quarantäne kennen lernen.
manche abgeschieden von ihren liebsten. und die, welche keine hatten, konnten keine neuen kontakte knüpfen.
wir waren auf uns zurück geworfen, und bald wurde klar:
wir können auf erstaunlich viel verzichten! sollen wir aber ohne körperliche nähe und berührungen sein, wird es bald mal brenzlig.
und das hat einen wirklich guten grund: um gesund und wohlbehalten zu bleiben, braucht es neben essen und trinken auch nahrung auf physischer ebene.

streicheln, umarmungen, hände, die uns tröstend berühren… ohne dies würden wir eingehen wie eine primel.
es ist ein wenig so, als hätten die vergangenen wochen auf die spitze getrieben, was viele schon fühlten: wir leben in einer welt chronischer berührungsarmut. in einer welt, in der mehr smartphones als körper berührt werden, führt das aktuelle zeitgeschehen zu einer drastischen verschiebung von knapper körperlichkeit in eine körperlose digitalisierung auf breiter ebene. konzerte, workshops, meetings werden aus dem persönlichen miteinander in virtuelle räume verpflanzt.

schon vor diesem frühling war es so, dass fast die hälfte der deutschen inzwischen in singlehaushalten lebt.
aber auch bei denen, die ihre liebsten nah haben, sinkt die berührungsfrequenz mit der beziehungsdauer.
die wissenschaft weiß schon lange um die wichtigkeit von achtsamen hautkontakt: das liebeshormon oxytocin pegelt hoch, während der stressor cortisol heruntergelevelt wird.
zu früh geborene werden heute nicht einfach in brutkästen versorgt… ihr gedeihen wird durch massagen mitgetragen. und auch in der altenpflege wird körperlichkeit seit einiger zeit bewusst integriert, um zum beispiel bei dementen menschen kontakt herzustellen, wo sprache bereits versagt hat.

ein spannender sozialpsychologischer aspekt im hinblick auf das aktuelle zeitgeschehen, betrifft die sogenannte „affektive berührung“.
darunter verstehen wir einen mechanismus, bei welchem physischer kontakt mit mitmenschen sozial regulierende effekte zeitigt.
berührung wird gegeben, um zu einem „gesunden“ normalzustand (im system wie im einzelnen) zurück zu kehren. menschen benutzen also affektive berührung, um dafür zu sorgen, dass das miteinander auf einem guten level bleibt, oder dorthin zurück kehrt.

in den vergangen monaten haben verschiedene verordnungen und nicht zuletzt die angst der einzelnen zu folgendem geführt:
weltweit wurde ein wichtiges mittel außer kraft gesetzt, welches soziale interaktion erhöhen, stress reduzieren und sogar die individuelle schmerzempfindlichkeit beeinflussen kann.
es kam zu strukturellen veränderungen in (zumindest für die westliche wohlstandsgesellschaft) nie gekanntem ausmaß, die ein enormes ökonomisches beben nach sich zieht.
und damit nicht genug, skizziert eine ökologische dystopie den völlig ungewissen horizont.
viele von uns haben den sogenannten corona-coaster-effekt durchgemacht: das starke schwanken zwischen divergierenden gefühlen großen friedens, einer eigentümlichen euphorie, und gleich daneben bodenlose einsamkeit und trauer.

die frage stellt sich, welchen zusammenhang es gibt:
zwischen großangelegter physischer distanzierung, psychologischen ausnahmephänomenen und einer wahrgenommenen radikalisierung im weltanschaulichen diskurs.
und die frage stellt sich auch, ob wir uns im klaren darüber sind, welchen schaden fehlende körperlichkeit anrichten kann.
was es macht, mit dem nervensystem und mit der seele von ungezählten menschen.

nach einer mehrwöchigen pause (die verordnung der landesregierung hat uns inzwischen einen handlungsspielraum eröffnet) beginnen wir bei amakido berührungskunst in freiburg wieder tantramassagen anzubieten. zwischen flächendesinfektion und atemschutzmasken ist unser wunsch, einen teil zur systemgesundung beizutragen. durch achtsame berührung, die das ganze system mensch meint und anspricht.
wir haben keine antworten auf die vielen fragen. aber wir haben jahrelange erfahrung im tiefgehenden kontakt mit menschen sammeln dürfen. haben intensiv erlebt, wie das system einer person ansprechbar ist, und was es braucht, um mehr als nur zu funktionieren. wir sind überzeugt davon, dass wir und unsere kolleg*innen der anderen massage-institute einen unschätzbaren wert haben, wenn es darum geht, gesundheit ganzheitlich zu unterstützen.

SUNJA

quellen:

prof. fairhurst, merle: „corona: wie berührung helfen kann“, unter:
https://www.unibw.de/home/news-rund-um-corona/stress-und-einsamkeit-in-den-zeiten-von-corona-wie-beruehrung-helfen-kann
(abgerufen am 03.06.2020)

muscionico, daniele: „die macht der berührung: ich berühre, also bin ich“, unter:
https://www.nzz.ch/feuilleton/social-distancing-ich-beruehre-also-bin-ich-ld.1555295
(abgerufen am 03.06.2020)